Interview mit Inge Beckenhusen – aktive Kulturkonsumentin

C-AE: Hallo Inge, es freut mich, dass zu einem Gespräch über die Auswirkungen von Corona aus deinem persönlichen Blickwinkel als Kulturnutzerin/kulturell interessierte Bürgerin bereit bist. Magst du vorab etwas über deine Aktivitäten in und Rezeption von Kultur kurz beschreiben?

Inge: Ich interessiere mich für Literatur und natürlich den ganzen Bereich der Musik. Ich bin aktiv in einem Kirchenchor und erlebe gern Musik in Konzerten gleich ob Oper oder im Theater. Zudem mache sehr gerne Kunst bei den Keyworkern. Aber nicht alleine im eigenen Stübchen.

C-AE: Du bist also normalerweise sehr aktiv unterwegs. Gefällt es dir, dich anregen zu lassen, dich mit anderen aus zu tauschen, einen ganz persönlichen Gewinn daraus zu ziehen?

Inge: Persönlicher Gewinn ja, aber auch das, was ich jetzt in der letzten Zeit festgestellt habe. Was mir die Kunst gibt, ist dieses Auseinandersetzen mit neuen Dingen. Das Hinterfragen, was Kunst bedeutet, politische Auseinandersetzung, die hinter Kunst steht. Also dieser ganze Bereich ist mir auch sehr wichtig und fremde Dinge kennenzulernen, die mir nicht so präsent sind, auch etwas Neues zu erfahren.

C-AE: Siehst du Kultur als aktive Auseinandersetzung im sozialen Raum zur Orientierung, Hinterfragung, Gewinnung neuer Aspekte, Ideen et cetera. Kann man das so sagen?

Inge: Kann man so sagen, aber auch politisch gesehen. Diesen Bereich finde ich ganz wichtig. Denn ich finde, Kunst hat auch einen politischen Auftrag. Da bin ich inzwischen ganz aktiv.

Private Zuschüsse für einen Kunstfond
C-AE: Wie hast du für dich vor diesem Hintergrund das erste Jahr Corona erlebt? Welche positiven oder negativen Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Inge: Du hattest ja im Vorfeld nach Beruf und wirtschaftlicher Situation gefragt. Beruflich kann man sehr leicht abhaken. Ich bin seit einigen Jahren in Rente. Ich war früher Grundschullehrerin. Von daher nehme ich das Thema Schule wahr. Ich sehe einfach, was in Schule verkehrt läuft. Aber ich bin natürlich nicht aktiv drin. Und wirtschaftlich muss ich sagen, bin ich durch Pension natürlich abgesichert.
Ich habe jetzt nicht keine hohe Pension, aber es ist in Ordnung. Als es mit Corona anfing, habe ich gesagt, eigentlich müssen alle, die Rente /Pension bekommen, wenn sie gut ausgestattet ist, jeden Monat EUR 200 in irgendeinen Fonds stiften für die Kunst. Es war sehr interessant, wie negativ von Bekannten, Freunden oder so darauf reagiert wurde. „Nein, ich mach doch so was nicht!“. Da war ich schon sehr erschüttert und mich entschlossen, einen Neffen zu unterstützen, dem es nicht gut gehe. Ich gebe ganz bewusst viel mehr Trinkgeld als vorher, als man noch ungezwungen ausgehen konnte.
Ich kaufe jetzt zwei fiftyfifty-Zeitungen pro Monat und und gebe mehr. Ich gehe in kleine Geschäfte, auf Märkte und so, um da ein bisschen zu unterstützen.

Lockdown als persönlicher Kulturschock
C-AE: Du bist sehr empathisch und sozial eingestellt. Wie hast du den ersten Lockdown und das erste Jahr für dich erlebt?
Inge: Ich war erst einmal ganz, ganz negativ gestimmt. Ich dachte wirklich, jetzt ist überhaupt nichts mehr da. Du musst dich zurückziehen, es geht nichts mehr. Ja, das war so im März. Und dann kam dieser Sommer, von dem wir ja alle schwärmen. Im Grunde war wieder so vieles möglich. Und das war dann wirklich so ein Gefühl von Freiheit. Man merkt nochmal ganz deutlich – ich auf jeden Fall – wie wichtig mir Kunst ist. Wie wichtig es mir ist, nicht alleine dahin zu gehen. Sondern zu zweit oder dritt, so wie es dann möglich war und sich hinterher irgendwo draußen hinzusetzen und darüber zu reden.

C-AE: Das heißt also, trotz der Einschränkungen, der Regeln, Hygienemaßnahmen et cetera war der Sommer für dich positiv besetzt?

Inge: Absolut, absolut. Und dann kam ja jetzt wieder dieser Lockdown zu Weihnachten und so weiter. Und da fiel ich dann wieder in so ein Tief. Und zwar in ein Tief, weil der Kontakt zu Kunst eben nicht mehr möglich war. Aber ich merkte auch, wie ich so passiv wurde. Okay, es war also wirklich das Gefühl, mir fehlt Kunst. Immer wieder, wenn irgendwelche Corona-Maßnahmen ausgesprochen wurden oder wieder ein neuer Lockdown oder eine Verlängerung kam, musste ich mich ganz bewusst hinsetzen und sagen: „ So was machst du jetzt? Was ist möglich?“. Und wie strukturiere ich meinen Tag und wie geht es weiter?

Digitale Ausstellungen statt Kultur live
C-AE: Okay, jetzt haben ja auch aus dieser Notsituation heraus eigentlich schon zum Frühjahr Sommer 20/20 Künstler, Kulturvermittler, Institutionen versucht. Ich sag mal, da ja diese Präsenz nicht mehr oder nur eingeschränkt möglich war, auch digitale Hybride oder sonstige Formen der Kunstvermittlung. Ja, online zu stellen oder auch ich sage mal im Fernsehen oder im Internet hatten sich dann ja verstärkt neue Möglichkeiten gezeigt oder wurden angeboten. Hast du das für dich aktiv wahrnehmen können oder war das gar nicht in deinem Fokus?

Doch ich habe es aktiv wahrgenommen. Fand es auch am Anfang richtig gut. Ja.
Und auch so. Es gibt ja diese Museums Führungen, die. Ja, wir kennen uns. Aber was da alles läuft. Aber ich muss sagen, nach der zehnten Video Sache, die kam, es wird ja auch vom Schauspielhaus, gerade von Bochum auch sehr viel mehr Geld oder auch Kunst. Es ist nicht Theater, es geht nicht der Museumsbesuch. Ja, ich finde es gut. Es ist auch wichtig, dass es gemacht wird. Und ich denke mal, es ist auch eine Chance für alle Künstler, das aktiv ins Netz zu setzen. Ja, ich merke für mich.
Mir fehlt was.

C-AE: Also du meinst, unter dem Aspekt Aufmerksamkeit zu zeigen oder zu erregen, zu sagen Hallo, wir sind noch da. Ja, wir zeigen etwas von uns um. Aber die Präsenz vor Ort. Das ist halt dann auch eine andere Energie.

Ja, ja, ja,