© bei Ralf Buchholz

C-AE: Lieber Ralf, wie erlebst du als Künstler und Initiator der NEANDERARTgroup https://www.neanderart.de/ nach 1 Jahr Corona-Pandemie die Auswirkungen auf den Kulturbetrieb insbesondere auf die Aktivitäten der NEANDERARTgroup? Magst du in diesem Zusammenhang kurz etwas zur Entstehung der Gruppe sagen?

RB: Eigentlich sollte es eher eine lokale Gruppe in Erkrath und Mettmann werden. Sie wurde im Jahr 2008 gegründet zählt aktuell 34 MitgliederInnen. In den letzten Jahren hat sich heraus kristallisiert, dass wir auch interessierte KünstlerInnen aus Düsseldorf und zum Teil sogar vom Niederrhein mit dazu genommen haben. Wir organisieren im Jahr ungefähr ca. 40-50 kleine und größere Einzel- und Gruppenausstellungen. Das hat sich natürlich mit Corona schlagartig geändert.

C-AE: Leider erleben wir zurzeit das einjährige Corona-Jubiläum…

RB: Das traurige Einjährige…

C-AE: Mittlerweile habe ich mit verschiedenen KünstlerInnen sowie VeranstalterInnen gesprochen. Die meisten Menschen erleben diesen Zustand als einen sehr starken sozialen Einschnitt, gerade im kulturellen Raum. Wie ist es für dich persönlich gewesen, als dieser Lockdown vor einem Jahr zustande kam? Welche positiven/negativen Erfahrungen hast du im zurückliegenden Jahr gemacht?

Auswirkungen auf die künstlerische Situation sowie Kunstausstellungen

RB: In erster Linie war es natürlich schockierend, weil eine Ausstellung nach der anderen im Prinzip gestrichen wurde. Es gab zwar Vorbereitungen dazu, aber dann sind immer neue Coronaregeln aufgestellt worden. Wir bzw. der Veranstalter haben dann letztendlich die Ausstellung gestrichen. Das war sehr demotivierend für uns Künstler gewesen. Wir suchen natürlich die Öffentlichkeit. Es gibt nichts Schöneres als eine Ausstellung zu haben, Menschen zu treffen und den direkten Kontakt zu den Leuten zu haben, die einem direkt ihre Meinung sagen. Ob es ihnen gefällt oder nicht gefällt.

C-AE: Gibt es in diesem Zusammenhang für dich positive Erfahrungen, z.B. mit digitalen Ausstellungen?

RB: Das ist bei der ganzen Digitalisierung und bei den ganzen Onlineausstellungen, die danach aus der Taufe gehoben worden sind, natürlich nicht so möglich. Man bekommt dieses Feedback nicht. Und ich glaube auch, viele Leute gucken sich die Filme gar nicht an, weil es ihnen einfach zu leblos ist. Es fehlt der zwischenmenschliche Kontakt zu den Künstlern und zu den Kunstinteressierten.

C-AE: Also sind für dich digitale Ausstellungen keine echte Alternative?

RB: Nicht wirklich. Diese Form der Ausstellungen hat mit der Zeit nachgelassen.

C-AE: Welche Auswirkungen hatte es für dich persönlich bzw. die angeschlossenen KünstlerInnen? Was hast du wahrgenommen?

RB: Man hat schon sehr stark gemerkt und auch ich habe festgestellt, dass je mehr Corona ins Land ging, die KünstlerInnen auch sehr demotiviert und sehr frustriert wurden. Ich hab immer versucht, die Leute aufzubauen und zu sagen: „He, das wird nächstes Jahr besser und wir müssen da durch.“ Aber wie es uns 2021 jetzt zeigt, haben wir – leider Gottes – auch wieder mit der virtuellen Kunst weitergemacht. D.h., wir machen natürlich weiter Kunstausstellungen unter den aktuellen Coronabedingungen. Im Augenblick haben wir drei Ausstellungen. Eine ist in der Kunstmüllerei in Düsseldorf-Bilk. Da haben wir einen Film zusammengeschnitten von allen Mitgliedern mit 2-3 Werken von ihnen. Diesen kann man sich bequem im Schaufenster anschauen. Es ist jetzt kein besonderes Highlight, aber es gibt einem zumindest das Gefühl, gesehen zu werden.

C-AE: Welche weiteren Möglichkeiten gibt es für euch?

RB: Aktuell haben wir auf der Klosterstraße in der Stadtmitte eine kleine Räumlichkeit bekommen, die zur Zeit von uns mit Ausstellung bespielt wird. Aber natürlich ohne Publikum, was sehr frustrierend ist. Wir laufen mit der Kamera durch, filmen die Ausstellung und stellen sie dann in die in die Netzwerke auf Facebook oder Instagram ein. Aber man merkt schon…. die KünstlerInnen sind echt frustriert. Also, es ist schade, dass so was im Augenblick so stattfinden muss . Dann haben wir noch die Popup-Galerie in Erkrath, die wir für eine gewisse Zeit bespielen, aber da ist genau das gleiche. Also wir fotografieren, wenn die Galerie geöffnet ist. Es können nach den aktuellen Regelungen Leute mit einem negativen Test die Ausstellung besuchen. Aufgrund der Quadratmeterzahl der Räumlichkeiten aktuell immer zwei Leute auf einmal. Wir stehen auch gerne mit Rat und Tat mit Mundschutz beiseite.

C-AE: Wie wirken sich aktuell die Hygienemaßnahmen auf den Besuch eurer Ausstellungen aus?

RB: Wie gesagt, ist der Zulauf zu einer Ausstellung nicht so wie wir es vorher ohne Regelungen erlebt haben. Das hat nicht die gleiche Qualität wie vor Corona. Es fehlt die Nähe. Man steht immer anderthalb Meter voneinander entfernt. Die Leute tragen Mundschutz. Es stört natürlich auch ein bisschen beim Dialog mit den KünstlerInnen und über die Kunst. Man geht reserviert miteinander um. Das ist natürlich bei einer schönen Vernissage, die gut besucht ist und wo die Leute miteinander diskutieren, sich die Bilder anschauen, dazu ein Glas Wein trinken … das ist überhaupt gar kein Vergleich. Im Augenblick ist jede Ausstellung mit Publikum eine sehr steife und trockene Angelegenheit. Das muss man ganz ehrlich sagen.

Alternative Formen der Kunstpräsentation und Künstlervermittlung

C-AE: Gleichwohl ward ihr in diesem Jahr sehr aktiv , speziell in den sozialen Medien. Gibt es bei allen Widrigkeiten und negativen Stimmungen auch positive Momente, die zumindest teilweise konstruktive Aspekte für die Zukunft beinhalten?

RB: Ich denke mal, es gibt zwei verschiedene Gruppen von KünstlerInnen. Die eine Gruppe steckt irgendwann den Kopf in den Sand und sagt: „Mein Gott was soll ich tun? Es ist alles so schlecht und alles so traurig und ich schmeiß jetzt meinen Pinsel in die Ecke und mach gar nichts mehr mit Kunst.“ Und die anderen – davon gibt es auch sehr, sehr viele – die sind eigentlich ganz kreativ geworden so wie wir beiden zum Beispiel. Ich hab dann Atelierbesuche gemacht, bin mit meiner Kamera zu den KünstlerkollegInnen gegangen.

Nur zu denen, die dies natürlich wollten, die mich in ihre geheiligten Hallen gelassen haben. Und dann habe ich im Atelier, am Arbeitsplatz der Künstler fotografiert und habe somit den/die KünstlerIn im Internet vorgestellt. So dass man, zumindest zwischendurch die Lücken ein bisschen sinnvoll füllen konnte.

Es brach nicht plötzlich alles in Sachen Kunst und Kultur ab, und man sagte nicht: „So jetzt ist Corona und erst einmal Feierabend bis zum Tag X , wenn uns dieser Virus in Ruhe lässt und dann fangen wir wieder mit Kunst an.“ Wir haben also wirklich versucht durch Bilder, Reportagen, Berichte den Kunstbetrieb einigermaßen aufrechtzuerhalten.

C-AE: Du meinst in eurem Kontakt- und Netzwerk?

RB: Genau! Das hat sich eigentlich als sehr positiv herausgestellt, weil es viele Leute gab, die sich das angeschaut haben und dadurch einen etwas engeren Bezug zu den KünstlerInnen bekommen haben. Denn wie gesagt, das Atelier ist irgendwie das Heiligtum der KünstlerInnen. Manche mögen es nicht gerne, dass man ihnen über die Schulter guckt. In diesem Fall war es eine ganz angenehme Abwechslung, und ich bin ganz froh gewesen, dass sich so viele daran beteiligt haben.

C-AE: Hast du selbst fremde Ausstellungen besucht?

RB: Natürlich habe ich auch Ausstellung besucht. Über Facebook habe ich auf meiner Plattform „Kunstszene Düsseldorf“ für diese Ausstellungen Werbung gemacht. Und ein paar Bilder rein gestellt, besonders für die Leute oder gerade für die Risikogruppen, die gesagt haben: „ Ich würde da gerne hingehen, aber mir ist das im Augenblick alles zu gefährlich.“

Corona als Motivationsschub für den kreativen Prozess

C-AE: Wie hast du den Corona-Einschlag aus persönlicher Perspektive erlebt? Wie bist du als Künstler damit umgegangen?

RB: Zuerst einmal habe ich viele neue Dinge im Atelier ausprobiert, also sehr intensiv gearbeitet. Was ich bisher nicht so machen konnte, weil die Organisation einer Künstlergruppe auch viel Zeit in Anspruch nimmt, mich hier und da mal mit 1-2 Kunstwerken selber beworben. Und war ganz erstaunt, dass ich dann tatsächlich genommen worden bin. Es waren natürlich meistens Online-Ausstellungen. Ohne Corona wären es öffentlich zugängliche Ausstellungen gewesen, wie zum Beispiel die in Sevilla Garden in Spanien, wo man sich mit Collagen bewerben konnte. Da bin ich aufgenommen worden. Aber es ist schön zu wissen, dass man mit seiner Arbeit die Chance gehabt hätte, nach Spanien zu reisen, um da die Ausstellungseröffnung miterleben zu können.

C-AE: Also gab es für dich sehr wohl eine Zeit, die du kreativ nutzen konntest?

RB: Wie gesagt, bin ich im künstlerischen Bereich sehr kreativ gewesen, habe vieles neu ausprobiert. Von dieser Seite her war Corona eine gute Gelegenheit etwas runterkommen, eigentlich etwas tolles. Aber es fehlte natürlich der Kontakt zu den Menschen, das Ausstellungsfeeling, das Vernissagefeeling… das sind einfach Sachen, die letztlich nicht zu ersetzen sind. Da haben, so glaube ich, sehr sehr viele Künstlerinnen und Künstler daran zu knabbern.

Staatliche Hilfen zur Unterstützung für Kulturschaffende

C-AE: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Wie schaut es aus mit staatlichen Hilfen? Hast du da etwas für dich in Anspruch nehmen können?

RB: Also, da ich gleich das Kleingedruckte gelesen habe, war für mich die Beantragung von staatlichen Hilfen von vornherein überhaupt gar kein Thema. Und wie sich dann herausgestellt hat, mussten sehr sehr viele KünstlerInnen, die diese staatliche Hilfe bekommen haben, entweder mit einer Absage leben oder mussten einen Teil, wenn nicht sogar den größten Teil der Zulagen, den sie bekommen haben, auch wieder zurückzahlen. Also es war nicht gerade die Hilfe – sage ich mal – die die Kunstszene letztendlich gebraucht hätte. Und selbst die Unterstützungen zum Beispiel für Ausstellungen oder für das Bereitstellen von finanziellen Mitteln für digitale Ausstellung etc. ist ganz schleppend oder zum Teil gar nicht vom Kulturamt Düsseldorf genehmigt worden.

Aus meiner Perspektive heraus war die Hilfe zwar gut gemeint, aber sie ist bei weitem nicht so bei den Künstlern oder bei den Leuten angekommen, wie sie hätte ankommen müssen. Letztendlich war es aus meiner Sicht irgendwie eine Mogelpackung.

C-AE: Du hast jetzt von der Künstler-Soforthilfe und den Hilfen für Selbstständige gesprochen. Ist das richtig?

RB: Ja, genau.

C-AE: Nun gab es ab Juli 2020 die Möglichkeit, ein halbjähriges Stipendiun für besondere Projekte zu beantragen. Hast du dieses beantragt?

RB: Das mit den Stipendien kam für mich persönlich nicht in Frage und deshalb habe ich mich nicht weiter darum gekümmert. Also, ich kann das nur für mich sagen und habe da mit Künstler-kollegenInnen gesprochen. Und das war einhellig die Meinung, dass das mit den Corona-Hilfen irgendwo ein trojanisches Pferd gewesen ist.

Ausblicke auf eine Corona-Kultur bzw. Kultur nach Corona

C-AE: Wie siehst du die Corona-Situation stand heute? Stellt sie sich unverändert zu oder gibt es positive Anzeichen für das Jahr 2021?

RB: Also im Augenblick sehe ich keine Verbesserung gegenüber 2020. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Persönlich würde ich mir wünschen, dass es gerade für die kleineren Ausstellungen und Vernissagen und nicht nur für die Museen oder die größeren Veranstalter die Möglichkeit geben würde, z. B. mit einem negativen Corona-Test und unter Berücksichtigung von bestimmten Auflagen, diese zu besuchen. Dass man zumindest den Lockdown wieder etwas gelockert.

C-AE: Hast du konkrete Vorstellungen dazu?

RB: Die Möglichkeiten gibt es ja. Genauso wie in der Gastronomie haben ja auch viele im kulturellen Bereich für Sicherheit gesorgt, damit ein begrenzter Besuch stattfinden konnte. Die Kunst- und Kulturbranche braucht einfach das Publikum. Und ich denke, da müssen jetzt einfach mal positive Signale von der Politik gemacht werden. Okay, wir machen demnächst wieder Vernissagen. Von mir aus auch ohne Alkohol oder ohne Getränkeausschank, und unter Vorlage eines negativen Coronatests. Bei der Vernissage sehe ich die Möglichkeit gleichzeitig alle X Leute in die Ausstellung zu lassen – abhängig von der Location – und der Rest müsste dann halt draußen warten. Wie z.B. im Parkhaus am Malkasten oder im Jacobipark, der ja sehr weitläufig ist, wo die Leute auch weit genug auseinander stehen könnten. Oder in der Parkkultur: es gehen halt jeweils so viele Leute rein wie sie auch rauskommen. Organisatorisch wäre das machbar.

C-AE: Gibt es positive Erfahrungen, die du gerne in eine Nach-Corona-Zeit nehmen würdest?

RB: Beim besten Willen, da fällt mir nichts ein. Am liebsten wäre mir, der Virus würde einfach verschwinden und wir könnten „wieder in den Alltag zurückkommen“. Vielleicht gibt es eine einzige positive Seite bei der ganzen Sache. Und zwar, dass die Menschen mehr Rücksicht aufeinander nehmen, dass man „mit mehr Verantwortung“ mit den Leuten umgeht. Und diese ganzen Maßnahmen, die jetzt von der Regierung gemacht worden sind, nicht unbedingt – wie es manche Leute machen – als Strafe gesehen wird, sondern einfach als Schutz der Bevölkerung zu sehen ist. Es ist schwierig und in manchen Kreisen wäre diese Aussage wahrscheinlich verpönt, aber auf der anderen Seite muss ich sagen, leider Gottes sind viele viele Leute – zum Teil auch jetzt noch – sehr rücksichtslos. und dann sind halt – so traurig wie das manchmal ist – Spielregeln erforderlich.

C-AE: Gibt es eine Anmerkung, die du abschließend noch gerne aussprechen möchtest?

RB: Wichtig wäre mir noch zu sagen, dass die Künstler und Künstlerkolleginnen definitiv den Kopf nicht in den Sand stecken sollen. Ich meine, der größte Teil der Leute macht die Kunst mit Leidenschaft und sehr gerne. Und so schwer es im Augenblick auch definitiv fällt, aber irgendwie und irgendwo geht das Leben weiter. Und auch das sollte man sich im Prinzip für die Kunst auf die Fahne schreiben. Die Kunst ist wichtig, die Kunst Teil unserer Gesellschaft und wir brauchen einfach die Kunst. Und deswegen muss die Kunst auch weiterleben.

C-AE: Lieber Ralf, das sind wunderbare Schlussworte. Ich danke dir recht herzlich für deine offenen Worte und wünsche dir für deine weitere Arbeit Gesundheit und viel Erfolg!